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„Ihr habt bis heute Abend achtzehn Uhr Zeit, ein Kind, das den Glauben an den Weihnachtsmann verloren hat, davon zu überzeugen, daß es ihn doch gibt, ohne daß Ihr offenbaren dürft, daß Ihr der echte Weihnachtsmann seid. Ein Zauber wird verhindern, daß man Euch erkennt und Ihr auf Fragen, ob Ihr der echte Weihnachtsmann seid oder ähnliches, antworten könnt. Ihr würdet eine böse Überraschung erleben, solltet Ihr es versuchen. Und nun viel Glück.“ Mit einer theatralisch anmutenden Geste hob Vingo den Zauberstab, der eine Leuchtspur aus bunt glitzernden Sternen hinter sich herzog. „Wir alle vertrauen auf Euren Erfolg. Zeigt uns, daß der wahre Geist der Weihnacht noch immer lebt und unsere Aufgabe am Nordpol nicht sinnlos ist.“
Ein gleißender Sternenblitz schoß aus der Spitze des Stabes und ließ die Umgebung verblassen. Der Weihnachtsmann hatte plötzlich das Gefühl, in ein mit grellen Sternen angefüllten Abgrund zu fallen.
„Wo schickst du mich hin?“, brüllte er aus Leibeskräften, während er in erschreckendem Tempo tiefer und tiefer fiel.
„Nach Hamburg“, tönte schwach die Stimme des Elfen, den der Weihnachtsmann nur noch als blasses Schemen weit über ihm erkennen konnte. Dann verschluckte ihn endgültig die Kaskade aus bunten Sternen, und der Weihnachtsmann wußte, daß er die ungewöhnlichste und vielleicht wichtigste Reise seines Lebens antrat.

Schneeflocken wirbelten im einem verspielt anmutenden Reigen durcheinander und versperrten Svenja die Sicht auf den verwilderten Garten jenseits des alten Fensters. Der Wind ließ das alte Dachgebälk ächzen, als ahne das Haus, was ihm demnächst bevorstehen würde. Mit einem Seufzen wandte sie sich wieder dem Brief zu, der vor ihr auf dem Schulschreibtisch lag. Das blütenweiße Papier stand im krassen Gegensatz zum alten Holz des ausrangierten Schulschreibtisches, den Svenja so liebte. In nüchternen Worten hatte sie nun Schwarz auf Weiß, was sie seit Monaten nicht wahr haben wollte, aber tief in ihrem Inneren immer befürchtet hatte.
Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, daß das Waisenhaus mit Wirkung zum 31.01. des kommenden Jahres geschlossen wird.
Es folgte eine lapidare Begründung, die sich im Wesentlichen auf die hohe Vermittlungsrate der letzten Monate und den maroden Zustand des Objekts bezog sowie eine Andeutung zwischen den Zeilen hinsichtlich ihrer beruflichen Zukunft.
Das darf doch einfach nicht wahr sein, dachte Svenja und schlug mit der Faust derart wütend auf den Schreibtisch, daß sich Stuka erschrocken schnatternd von ihrem Ruhekissen erhob und aufgeregt mit den Flügeln schlagend durch das Zimmer watschelte.
„Tut mir leid Stuka, leg dich wieder hin“, beschwichtigte Svenja die aufgebrachte Graugans, die seit dem Herbst fest zum Inventar des Hauses gehörte. Vorwurfsvoll schnatternd watschelte Stuka wieder zu ihrem Kissen, nicht jedoch ohne einen sehnsuchtsvollen Blick nach draußen zu werfen, wie Svenja mitfühlend registrierte.
Die Gans vermißte den Sommer.
Vielleicht bedauerte sie es ja, es ihren Artgenossen nicht gleich getan und in den Süden gezogen zu sein, aber mit einem gebrochenen Flügel wäre das kaum möglich gewesen.
„Du hast Glück gehabt, daß dir das ausgerechnet bei uns passiert ist, sonst wärst du vermutlich als Braten geendet“, neckte sie die leise schnatternde Gans in Erinnerung an den Tag, als sie Stuka verletzt im Garten gefunden und versorgt hatte. Der Gans hatte die Pflege so gut gefallen, daß sie einfach nach ihrer Genesung geblieben und zum Liebling der Kinder geworden war. Svenja schmunzelte bei der Erinnerung, doch dann fiel ihr Blick wieder auf den Brief, und die Gegenwart holte sie unerbittlich ein.
All das Vertraute um sie herum war dem Untergang geweiht.
Was aus ihr wurde, war ihr dabei nicht so wichtig. Ganz anders fühlte sie aber, wenn sie an die· Zukunft der Kinder dieses Heims dachte. Insbesondere an die Zukunft eines Kindes. Die Adoptionsverfahren waren abgeschlossen oder standen kurz vor dem Abschluß. Nur für ein Kind hatte sich bisher keiner interessiert.

Für Lisa.
Mit ihren fünf Jahren war sie das älteste Kind im Waisenhaus und damit alles andere als im vorteilhaften Vermittlungsalter. Jüngere Kinder waren gefragter. Svenja hatte das nie verstanden, denn sie hatte das Mädchen mit dem schwarzen Lockenschopf und den blitzenden blauen Augen sofort ins Herz geschlossen. Lisa, die bei einem Autounfall vor drei Jahren ihre Eltern verloren und keine anderen lebenden Verwandte hatte, hatte ihr Herz sofort im Sturm erobert. Svenja hatte sogar schon selbst ein Adoptionsantrag gestellt, war aber gescheitert. Alleinstehend, berufstätig, eine zu kleine Wohnung waren nur einige der Gründe gewesen, warum man ihren sozialen Hintergrund als ungeeignet eingestuft hatte.

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