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Erstaunt betrachtete der Weihnachtsmann die stocksteife Gans. „Diese ausgestopften Tiere wirken verblüffend lebensecht“, murmelte er. Dann spürte er plötzlich ein Prickeln am ganzen Körper, und ein Schleier aus Sternenstaub wirbelte für einen Augenblick um seinen Körper, bevor er sich in nichts auflöste. Stuka schnatterte erschrocken.
„Sieh mal an, du kannst sprechen“, sagte der Weihnachtsmann, dem der traurige Blick in den Augen der Gans zu Herzen ging. Sehnsüchtig wünschte sie sich die Rückkehr ihrer Artgenossen und den warmen Sommer zurück stellte der Weihnachtsmann fest und staunte.
Er konnte wieder die Wünsche anderer erkennen, als wenn er in einem offenen Buch lesen würde. Das versprach neue Möglichkeiten bei der Lösung seiner Aufgabe.
Stuka hingegen spürte mit dem Instinkt des Tieres, daß der große Mann, der sie bis ins Mark erschreckt hatte, gütig und verständnisvoll war und sie nicht als Zwischenmahlzeit betrachtete. Aber das war nicht alles. Stuka legte den Kopf schief und musterte den Weihnachtsmann. Da war noch etwas, das ihn von den anderen Menschen in diesem Haus unterschied. Nur was war das?
„Mach dir keine Sorgen, dein Schwarm hat dich nicht vergessen und wird mit dem Frühling zurückkehren.“
Genau!, stellte Stuka verblüfft fest. Sie konnte verstehen, was er sagte. Bei allen anderen Menschen hatte sie nur an der Klangfarbe der Stimmen ihre Zuneigung erkannt, nicht aber den Inhalt ihrer Worte. Diese waren für Stuka genauso unverständlich gewesen, wie das Quaken der Frösche. Bei diesem seltsamen Mann hingegen war das anders. Und was er sagte, ließ ihr kleines Herz jubeln.
Konnte es wahr sein? Würde ihr Schwarm wirklich zurückkehren?
„Es ist wahr“, sagte der Weihnachtsmann, worauf Stuka voller Freude auf ihn zugewatschelt kam und den Kopf in seinen Schoß legte. Sie schnatterte glücklich und ließ sich vom Weihnachtsmann die Federn streicheln.
„Ich hoffe mal nicht, daß Sie gerade dabei sind, das Abendessen zu rupfen.“ Mit vor der Brust verschränkten Armen lehnte Svenja im Türrahmen und betrachtete nachdenklich das seltsame Paar. Wen hatte sie da bloß angeschleppt?
Der Weihnachtsmann verneinte beleidigt angesichts der ungeheuren Unterstellung und erhob sich schwerfällig, während Stuka zum Fenster watschelte. Wenigstens die Gans hatte er glücklich gemacht. Mit Svenja würde das schon schwieriger werden, ganz zu schweigen davon, daß dies nicht seine vordringlichste Aufgabe war. Dafür kam nur Lisa in Betracht. Aber wie sollte er sie davon überzeugen, daß es den Weihnachtsmann gab?
Hilflos kratzte er sich den kahlen Schädel.

„Haben Sie niemanden, mit dem sie heute Abend feiern werden?“, fragte Svenja, die die· hilflos wirkende Geste falsch interpretierte.
„Das kommt darauf an, wie man das Wort „Feiern“ interpretieren mag“, erwiderte der Weihnachtsmann mit müder Stimme. „Und was ist mit Ihnen. Kommt Ihr Freund heute abend hier her?“
„Nein. Ich .. bin.. seit ein paar Jahren allein.“ Die Traurigkeit in der Stimme Svenjas ließ den Weihnachtsmann aufhorchen.
„Was ist passiert?“, fragte er mitfühlend. Svenja zögerte einen Moment, doch dann überwog das vertraute Gefühl, das sie schon auf dem Weg hierher gegenüber dem Fremden empfunden hatte, und ehe sie sich versah, sprudelte die ganze Geschichte aus ihr heraus. Sie berichtete, wie sie als Verkäuferin in dem kleinen Spielzeuggeschäft am Bergstedter Markt gearbeitet und Tim kennengelernt, der ein Weihnachtsgeschenk für seinen Neffen gesucht hatte. Wie sie zusammengekommen und glücklich gewesen waren. Aber auch, wie die große Liebe ihres Lebens an dem Starrsinn seines einflußreichen Vaters wie an einem scharfkantigen Riff zerschollen war. Der einflußreiche Stadtpolitiker hatte sich für seinen Sohn eine andere Ehefrau als eine Spielzeugverkäuferin gewünscht, und diesem Druck hatte die Beziehung nicht standgehalten. „Und dann habe ich ihn am Weihnachtsabend vor vier Jahren verlassen. Die Anstellung kündigte ich und bewarb mich für diese Stelle. Und hier bin ich nun“, schloß sie ihre Erzählung ab, worauf der Weihnachtsmann ihr dezent ein Taschentuch reichte. Ihr Schneuzen schreckte Stuka für einen Augenblick aus der erwartungsvollen Betrachtung des Sternenhimmels auf.
„Es dauert noch ein wenig, Stuka“, tröstete der Weihnachtsmann die Gans, dann wandte er sich wieder Svenja zu. „Was ist aus ihm geworden?“
Svenja zuckte die Achseln. „Ich habe ihn nie wieder gesehen. Aber nun genug der traurigen Geschichten“, versuchte sie das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, „der Weihnachtsbaum muß aufgestellt werden. Wären Sie so nett, mir dabei zu helfen?“
Der Weihnachtsmann schluckte. Er hatte schon hunderttausende von Weihnachtsbäumen in seinem Leben gesehen, aber einen aufgestellt hatte er noch nie. Betrachtete man die hohe Zahl von Scheidungsanträgen, die dem Ritual des Baumaufstellens jedes Jahr auf dem Fuß folgten, schien dies kein leichtes Unterfangen zu sein.
„Ich glaube, dafür brauchen wir zunächst einen Ständer“, stellte er fest.
Svenja wurde bei diesen Worten blaß. Der Ständer mußte ihr beim Sturz vom Fahrradständer gefallen und in das Gebüsch entlang der Straße gerollt sein. Jedenfalls hatte sie nicht daran gedacht, ihn aufzuheben und mitzunehmen.
„Wandern sie gerne?“, fragte sie.

„Nun schaut euch das an! Die Zeit rennt ihm davon, und er geht spazieren“, stöhnte Ruphus beim Anblick des Weihnachtsmannes, der sich vorn übergebeugt gegen einen Schneesturm stemmte. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, schien die Temperatur der am Nordpol in nichts nachzustehen.
„Ja, ja, er amüsiert sich, und wir haben die Sorgen“, bekundete Zwolgo griesgrämig. Dann fiel ihm plötzlich etwas ein. „Kommt er auf seinem Weg nicht an diesem Spielzeuggeschäft vorbei?“, fragt er nachdenklich.
„Ja, aber vermutlich nicht vor Neujahr, wenn er so weiter macht“, meinte Ruphus.
„Aber die Idee ist nicht schlecht“, räumte Vingo ein. „Du meinst ….“
Der Zwerg nickte nachdrücklich und auch Ruphus verstand worauf er hinaus wollte.
„Na, dann leg mal los“, forderte er Vingo auf.

Der Schnee peitschte gegen die Windschutzscheibe des schnittigen Sportwagens und nötigte den Scheibenwischern Höchstleistung ab. Hinter dem Steuer kämpfte ein gutaussehender, junger Mann mit den widrigen Wetterbedingungen. Er schaffte es kaum, den Wagen auf der spiegelglatten Bergstedter Chaussee zu halten, und dabei war es noch ein gutes Stück hin bis zu seinen Eltern in Wohldorf. Aber das Wetter paßte gut zu seiner Stimmung. Noch immer drückte die Erinnerung an einen Weihnachtsabend vor vier Jahren besonders an diesem Tag auf sein Gemüt und sorgte dafür, daß er sich deprimiert und einsam fühlte. Wer verlor schließlich schon gern die Liebe seines Lebens?
Und das an einem Weihnachtsabend?
Erschrocken trat er auf die Bremse, als in Höhe des Bergstedter Marktplatzes eine Schneeanhäufung auf der gesamten Fahrbahnbreite die Weiterfahrt unmöglich machte. Der Wagen quittierte das Manöver trotz sämtlicher elektronischen Hilfetools mit einem Schlingern, das er kaum ausgleichen konnte, bevor er endlich zum Stehen gelangte. Der Fahrer fluchte. Fast hätte man meinen können, es sei Zauberei im Spiel, die ihm die Weiterfahrt unmöglich und ihn zu seinem Umweg zwingen wollte, den er lieber vermeiden wollte. Den Weg über den Bergstedter Markt, und der würde ihn zwangsläufig an einem bestimmten Geschäft vorbeiführen. Mit einem Kribbeln im Magen setzte er den Blinker.

„Sämtliche Iglus lasse ich sie auf Hochglanz polieren“, fluchte der Weihnachtsmann. Er hatte ja schon viel in seinem langen Leben durchgemacht, aber so schwer, wie dieses Jahr, hatte noch kein Weihnachtsabend begonnen. Noch nicht einmal damals, als der Schlitten durch den TÜV gefallen war. Und dabei stand ihm die eigentliche Tour erst noch bevor, vorausgesetzt, er würde es schaffen, seine Mission zu erfüllen. Aber dazu mußte er zunächst den Ständer holen. Zumindest flüsterte ihm dies seine innere Stimme hartnäckig zu. Um ein Haar wäre auch noch von einem Sportwagen über den Haufen gefahren worden, als er die Straße unterhalb der Kirche überquerte. Dann endlich hatte er den Stand erreicht. Natürlich war niemand mehr da. Selbst die Weihnachtsbeleuchtung war ausgeschaltet, und dabei hätte er die gut gebrauchen können. Der Ständer war nirgendwo zu sehen. Mit einem Ächzen ging er in die Hocke, um die Thujahecke entlang des Wegs näher in Augenschein zu nehmen.

Die Schaufensterdekoration des Spielzeugladens bot eine beleuchtete Winterlandschaft in Miniatur. Eine elektrische Eisenbahn drehte unermüdlich ihre Runden durch die winterliche Idylle. Übergroße Nußknacker ragten wie Riesen zwischen liebevoll bemalten Kerzenhäusern auf, und in der mit Kunstschnee verzierten Schaufensterscheibe spiegelte sich das Gesicht eines jungen Mannes mit nachdenklichem Blick. Der Schneefall durchnäßte seinen teuren Anzug, doch das registrierte er nicht. Er war gefangen in der Vergangenheit.
„Ein wenig zu spät, um noch ein Geschenk zu kaufen.“
Erstaunt drehte sich der junge Mann um und erblickte einen älteren Herrn, der wirkte, als habe er gerade die Arktis zu Fuß durchquert. In der Hand trug er einen Weihnachtsbaumständer. Trotz des desolaten Erscheinungsbildes strahlte der Mann etwas Gütiges aus, das den jungen Mann dazu verleitete, anders zu antworten, als er es normalerweise getan hätte. „Ich bin nur aus einer alten Erinnerung an jemanden, der mir sehr nahe stand und hier gearbeit hat, ausgestiegen, aber jetzt muß ich weiter“, sagte er mit leichter Wehmut in der Stimme. „Schöne Weihnachten.“
Der Weihnachtsmann horchte auf. Also hatte er sich nicht getäuscht, als er den jungen Mann vor dem Schaufenster entdeckte. Das mußte Tim sein. Und plötzlich wußte der Weihnachtsmann, was er tun mußte.
„Schöne Weihnaaacchhh..“, stöhnte er, griff sich theatralisch an die Brust und sackte an der Schaufensterscheibe in den Schnee hinab.
„Bleiben Sie ruhig, ich rufe einen Arzt“, versuchte Tim erschrocken, den vermeintlich angeschlagenen Weihnachtsmann zu beruhigen, während er seine Kleidung nach dem Handy abtastete. Doch der Weihnachtsmann winkte ab.
„Das dauert zu lange, aber wenn sie mich nach Hause fahren könnten, es ist nicht weit?“
Tim schaute skeptisch, angesichts des Vorschlags. War das ganze nur eine Farce? Mit einem Seufzen willigte er ein, schließlich war Weihnachten. „Aber das Ding da kommt in den Kofferraum“, sagte er mit einem Wink auf den desolaten Ständer.

Das drängelnde Klingeln an der Haustür ließ Svenja vor Schreck beinahe die Kiste mit Weihnachtskugeln aus den Händen fallen. Was war denn nun schon wieder los? Mit ein paar schnellen Schritten war sie an der Tür. „Ja, ja, ich komme ja schon“, rief sie, doch als sie die Tür öffnete, blieb ihr die Sprache weg, als sie erkannte, wer da hinter ihrem arg in Mitleidenschaft gezogenen Helfer Einlaß begehrte.
Ihre Jugendliebe Tim.
Das Strahlen, das ihre Augen plötzlich leuchten ließ, brachte den Weihnachtsmann zum Schmunzeln. „Schön, daß Sie sich so freuen, mich wiederzusehen“, brummte er. „Ohne diesen jungen Mann, der so freundlich war, mich herzufahren, hätte ich es allerdings nie geschafft. Kommen Sie doch einen Augenblick herein“, forderte er Tim auf, der sein Glück kaum fassen konnte und dem Weihnachtsmann wie ein Schlafwandler folgte.
„Svenja“, krächzte er. „Bist du das wirklich?“
„Nein, ich bin die Weihnachtsfee, aber was tust du denn hier?“
„Ich hatte vor dem Spielzeugladen angehalten, als dein Bekannter aufgetaucht ist.“
„Vor dem Spielzeugladen? Könnte es sein, daß du nach mir Ausschau gehalten hast?“
Der Weihnachtsmann grinste wie ein Honigkuchenpferd als er das noch immer verliebte Paar betrachtete. Sein Gefühl sagte ihm, daß er das Richtige getan hatte und sich alles zum Guten wenden würde. „Ich sehe, ich bin hier überflüssig. Wird Zeit, daß sich jemand um den Baum kümmert“, verkündete er fröhlich und verschwand in Richtung Wohnzimmer.
„Nat, nat, nat?“, wurde er dort von Stuka begrüßt, die noch immer am Fenster stand.
„Ja, es dauert noch. Geduld ist wohl nicht deine Stärke“, seufzte der Weihnachtsmann. Zufrieden stellte er den Ständer neben dem Baum ab. Dann erinnerte er sich, daß er noch immer nichts gegessen hatte. Mission hin oder her. Verhungert würde er niemanden etwas nützen.
„Lisa, kommst du mal, ich möchte dir jemanden vorstellen“, erklang Svenjas glückliche Stimme im Hintergrund, während der Weihnachtsmann sich auf die Suche nach der Küche begab, neugierig gefolgt von Stuka, die hinter ihm her watschelte. Gegen ein wenig Brot hätte sie nichts einzuwenden.

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