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Was das Herz fühlte, hatte keiner gefragt.
Genauso wenig wie jetzt.
Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen, und die Stadt das Grundstück an einen Bauunternehmen lukrativ verkaufen.
Es war frustrierend.
Wenn Svenja jemals einen Weihnachtswunsch gehabt hatte, dann jetzt. Aber wer erfüllte einer enttäuschten, allein gelassenen Fünfundreißigjährigen schon noch Wünsche.
Der Weihnachtsmann?
Schön wäre es, aber an Wunder glaubte sie schon lange nicht mehr.

Der Weihnachtsmann hätte viel darum gegeben, wenn ihm ein kleines Wunder geholfen hätte, seine Landung sanft zu gestalten. Doch dem war nicht so. Mit einem schmerzhaften Aufklatschen endete die Reise abrupt in einem mächtigen Schneehaufen, aus dem er sich wie ein schlaftrunkener Bär auf die Füße kämpfte. Wütend wischte er sich den Schnee aus dem Gesicht, und stellte dabei entsetzt fest, daß er statt seines langen, gepflegten weißen Bartes nun über eine kurze, struppige Barttracht verfügte, die jedem Stadtstreicher zu Ehre gereicht hätte. Ein weiteres Abtasten ließ ihn erschrocken aufkeuchen, als er ein kahles Haupt ertastete, bar der üppigen weißen Haartracht, die sein Kopf bis eben noch geziert hatte, und sauber poliert war, wie eine Billardkugel.
Dieser verfluchte Elf! Rentierstriegeln wird dir noch wie ein Erholungsurlaub vorkommen, knurrte der Weihnachtsmann, während er die Inspektion fortsetzte. Natürlich war auch sein schönes rotes, magisch wärmendes Wams verschwunden. Statt dessen trug er nun einen schwarzen, ausgeleierten Rollkragenpullover unter einem grauen, kratzigen Wollmantel, der schon bessere Tage gesehen hatte und eine verblichene blaue Jeans nebst schwarzen Winterstiefeln. Eine Kombination, die mit dem Weihnachtsmann soviel gemein hatte, wie der Osterhase mit den Blues Brothers.
Das konnte ja heiter werden!
Wie sollte er in diesem Outfit bloß überzeugend sein?
Apropos überzeugend sein, rief sich der Weihnachtsmann in Erinnerung und nahm erst einmal seine Umgebung in Augenschein. Offenbar war er zumindest am richtigen Ort gelandet. Unter ihm lag ein Gewässer, in deren Mitte ein mächtiger, beleuchteter Weihnachtsbaum in den Himmel ragte, und am anderen Ufer konnte er die prächtig erleuchteten Fassaden diverser Kaufhäuser entdecken. Na dann wollen wir mal, sprach sich der Weihnachtsmann selber Mut zu, kämpfte sich den kurzen Weg zur Straße hinauf, wo auf mehreren Fahrspuren unzählige Fahrzeuge in beide Richtungen über eine gewaltige Brücke unbekannten Zielen entgegeneilten und machte sich auf den Weg. Es wäre doch gelacht, wenn er in dieser Umgebung nicht ein ungläubiges Kind zum Glauben an den Weihnachtsmann bekehren könnte.

„Es gibt keinen Weihnachtsmann. Genauso wenig, wie den Mann im Mond, ET oder nette Jungs“, brummte Lisa und gab dem kleinen Willi einen liebevollen Tritt, als dieser versuchte, sie in den Fuß zu beißen.
„Natürlich gibt es ihn“, protestierte die dreijährige Tina, die zusammen mit Svenja und ein paar anderen Kindern damit beschäftigt war, mit Hilfe einiger Tannenzapfen, Streichhölzer, Eicheln, Kastanien und Kleber kleine Figuren zu basteln. Eine Beschäftigung, die allen außer Lisa viel Spaß bereitete.
„Und warum hat er mir nie einen Wunsch erfüllt?“, klagte Lisa.
„Vielleicht mag er dich nicht“, überlegte Tina, „dich mag doch sowieso keiner“
„Tina!“, ermahnte Svenja die Dreijährige, während Lisa auf dem Absatz kehrt machte und beleidigt die knarrende Holztreppe ins Obergeschoß hinauf stürmte, wo die Kinderzimmer lagen. Einen Augenblick später knallte eine Tür derart heftig ins Schloß, daß die Fenster leise klirrten. Svenja zuckte zusammen. Als hätte sie nicht schon genug Probleme. Mit einem Seufzen erhob sie sich und ging zur Treppe hinüber. Es war schon ungerecht, daß es keinen Weihnachtsmann gab, der Lisas Wunsch erfüllen konnte, denn Svenja konnte sich gut vorstellen, wie ihr sehnlichster Wunsch aussah.

„Ho, ho, ho, willkommen in unserem Weihnachtsparadies. Ein Stück Schokolade gefällig“, begrüßte den Weihnachtsmann eine Prachtausgabe von Werbeweihnachtsmann, als er vor der glitzernden Fassade eines Kaufhauses anhielt. Um ihn herum wuselten die Menschen· wie die Ameisen auf der Flucht herum. Neid überkam den Weihnachtsmann, als er sein Gegenüber musterte. So sollte eigentlich ich aussehen, dann hätte ich es deutlich leichter, meinen Auftrag zu erfüllen, dachte er und grübelte über seine verfahrene Situation nach. Warum sollte er eigentlich nicht so aussehen? Gut, er durfte sich nicht als wahrer Weihnachtsmann offenbaren, aber niemand hatte ihm verboten, in die Rolle eines Werbeweihnachtsmanns zu schlüpfen. Alles eine Frage der Auslegung, resümierte er, dann wandte er sich an sein Gegenüber.
„Wie bekomme ich so einen Job?“
„Über Herrn Petersen, Personalabteilung, erster Stock. Die haben am Umsatz stärksten Tag des Jahres immer Bedarf. Aber überlege Dir das gut, Kumpel, der Job ist streßig.“
„Wem sagst du das,“, brummte der Weihnachtsmann und verschwand im Inneren des Kaufhauses.

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