Unzählige Schneeflocken wurden vom Wind gegen das Fenster getrieben, blieben kleben, vergingen und hinterließen feuchte Spuren auf dem Fensterglas. Svenja erinnerten sie unwillkürlich an Tränen. Unterhalb des Fensters lag Lisa auf ihrem Bett und hatte den Kopf in ihr Kissen vergraben. Ein Bär mit einer Weihnachtsmütze auf dem Plüschohr saß auf der Fensterbank und schaute traurig mit seinen Knopfaugen auf sie herunter.
„Wünsche gehen in Erfüllung. Man muß nur fest daran glauben“, sagte Svenja leise. Die alten Stahlfedern quietschten, als sie sich zu Lisa aufs Bett setzte und ihr über das Haar strich.
„Ich kann an nichts mehr glauben“, schluchzte Lisa, „und schon gar nicht an den Weihnachtsmann. Alle anderen Kinder werden bald eine Familie haben, nur ich bleibe allein. Und dabei will ich doch nur, daß du meine Mama wirst. Warum geht das nicht?“
„Wer sagt, daß das nicht geht?“
„Du“, schluchzte Lisa. „Du hast gesagt, ich muß vielleicht weg von hier, in ein anderes Heim, ohne dich. Und ich habe doch nur dich. Ich will dich nicht verlieren!“ Das Schluchzen wurde herzzerreißend.
„Das wirst du nie. Heute ist Weihnachten, da gehen Wünsche in Erfüllung, vertrau mir.“
Svenja schluckte den Kloß hinunter, der sich in ihrem Hals gebildet hatte. In Momenten, wie diesen, hatte sie das Gefühl, das ganze Leid der Welt auf ihren schmalen Schultern zu tragen. Sie liebte dieses Kind, aber wie sollte sie ihm erklären, daß es diejenigen, die über Lisas Zukunft zu entscheiden hatten, nicht interessierte?
Wie sollte irgend jemand dies einer verzweifelten Fünfjährigen begreiflich machen?
Svenja wußte es nicht. Rational betrachtet mochte die Entscheidung des Fürsorgeamtes nachvollziehbar sein, mit dem Herzen war sie es nicht. Wenn doch nur ein Wunder geschehen würde.

„Driving home for Christmas….“, raunte Chris Rea mit gewohnt rauchiger Stimme, während der Weihnachtsmann in einem zu engen, zwickenden Kostüm durch die Gänge des Warenhauses schlurfte und die Elfen verfluchte, die ihn in diese Lage gebracht hatten.
„With a thousand memories….“
Wem sagst du das, dachte der Weihnachtsmann wehmütig, der sich verlegen unter der Perücke kratzte. Das Desinfektionsmittel, das ihm Frau Ziernich mit der in die Jahre gekommenen Haartracht in die Hand gedrückt hatte, ließ Schlimmes erahnen. An den Bart wollte er lieber gar nicht erst denken.
„Ich will Schokolade!“
Erstaunt blickte der Weihnachtsmann nach unten und entdeckte an der Hand einer elegant gekleideten Frau einen circa vierjährigen Jungen, der in einen farbenfrohen Parka gekleidet war und ihn herausfordernd ansah.
„Aber gerne, mein Kleiner“, brummte der Weihnachtsmann erfreut und kramte in seinem Sack nach einem Schokoladenwerbeträger. „Freust du dich schon auf den Weihnachtsmann heute abend?“
„Nein, auf Monsterman!“
„Und was ist mit mir?“, fragte der Weihnachtsmann mit gespielter Empörung.
„Du bist nicht echt!“, erwiderte der Kleine mit trotziger Miene, während er versuchte, den Weihnachtsmann gegen das Knie zu treten.
„Wir pflegen eine aufgeklärte Erziehung“, ließ sich die aufgestylte Mutter mit herablassender Stimme vernehmen. Sie machte keine Anstalten, ihrem talentierten Kind das Malträtieren des Weihnachtsmannes zu verbieten. „Wir halten nichts davon, unseren Kindern erst eine Fiktion von einer heilen Welt mit Fantasiefiguren vorzugaukeln, um dann ihr Weltbild wieder einzureißen. Das führt zu psychischen Störungen.“
„Sie sprechen aus Erfahrung?“, vermutete der Weihnachtsmann und erntete dafür einen Blick, der mit der Kälte des eisigen Polarwinds problemlos mithalten konnte.
„Komm, wir schauen mal nach Monsterman. Das ist interessanter, als diese Werbefigur“, lockte sie ihren Sohn.
„Oh jaaahhh, Monsterman“, stimmte ihr Sohn begeistert zu und landete endlich einen Treffer gegen das Knie des Weihnachtsmanns. Ein Leuchten ging über sein Gesicht, als der Weihnachtsmann aufjaulte.
„Dir auch schöne Weihnachten“, rief er dem kleinen Quälgeist hinterher.
„Ja, ja, man hat’s schon nicht leicht hier“, ertönte eine mitfühlende Stimme hinter dem Weihnachtsmann. Der drehte sich um und sah sich unvermittelt seinem Ebenbild gegenüber. „Bist wohl auch als Verstärkung für die letzte Schlacht eingekauft worden“, vermutete das Ebenbild und hielt ihm die Hand hin. „Ich bin Manfred. Tust du mir einen Gefallen?“
Der Weihnachtsmann hob die Augenbrauen, während er automatisch die Hand seines Gegenübers schüttelte.
„Ich will mal einen Happen essen. Kannst du für mich einspringen und an meiner Stelle den kleinen Monstren in der Spielzeugabteilung Geschichten erzählen?“

„Gerne“, erwiderte der Weihnachtsmann, der plötzlich völlig neue Möglichkeiten am Horizont auftauchen sah. Geschichten erzählen, vom Geist der Weihnacht berichten. Ja, das konnte die Rettung sein.
„Danke, hast was gut von mir“, bedankte sich Manfred. Dann wandte er sich ab und tauchte in der Menge unter. Der Weihnachtsmann konnte ein freudiges Grinsen nicht unterdrücken.
Zum Teufel mit Monsterman!
In freudiger Erwartung humpelte er zur Spielzeugabteilung hinüber, wo ein mit rotem Samt bezogener, hochlehniger Stuhl inmitten einer künstlichen Schneelandschaft einladend auf ihn zu warten schien. Lediglich die beiden riesigen Stapel aufgeschichteter Monstermanverpackungen zu beiden Seiten der Kulisse störten ein wenig das idyllische Gesamtbild. Aber das war dem Weihnachtsmann im Augenblick egal. Mit einem Seufzen ließ er sich nieder und harrte der Dinge, die da kommen sollten.
Und die ließen auch nicht lange auf sich warten.
Eine Mutter, mit jeweils einem Kind an der Hand und einem hochgradig gestreßtem Gesichtsausdruck, überantwortete ihm unvermittelt ihren Nachwuchs mit den Worten: „Das ist der Weihnachtsmann. Hört gut zu, was er euch zu sagen hat und was passiert, wenn ihr nicht artig seid.“ Um Unterstützung heischend sah sie den Weihnachtsmann an, dessen Oberschenkel umgehend von den Kindern in Beschlag genommen wurden. Links saß nun ein circa dreijähriges Mädchen mit einer bunten Winterwollmütze. Sein rechtes Bein war von einem etwa doppelt so altem Jungen besetzt, der ein typisches Lausbubengesicht hatte.
„Eine Geschichte, eine Geschichte“, bettelte das Mädchen,
„Ja, mit Monsterman“, ergänzte der Junge. „Kennst du die, bei der Monsterman die Superklaue hat und seinen Gegner damit bis hinter den Saturn schleudert? Die ist echt cool. So eine Klaue wünsche ich mir.“ Um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, schlug er mit der Faust auf das malträtierte Knie des Weihnachtsmannes, der ein erneutes Aufjaulen gerade noch unterdrücken konnte.

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