„Der wa wa www www wawawa“, stammelte der Weihnachtsmann unglücklich, worauf sich eine steile Falte auf der Stirn der Kleinen bildete.
„Bist du etwa gar nicht der echte Weihnachtsmann?“
„Doch, das ist er. Glaub mir. Ich kenne seinen Lebenslauf. Er lebt normalerweise am Nordpol.“
„Da ist ihm wohl die Sprache eingefroren“, kommentierte der Vater der Kleinen das Ganze trocken.
„Wawaw www“, protestierte der Weihnachtsmann.
„Komm mit, der Weihnachtsmann ist heute ein wenig überlastet“, tröstete er die Kleine, während Herr Petersen vor Verlegenheit derart rot anlief, als würde für Feuerlöscher werben. Die Konsequenz auf die Glanzvorstellung des Weihnachtsmannes ließ nicht lange auf sich warten. Keine fünf Minuten später fand er sich seines Kostüms beraubt vor die Tür gesetzt wieder.
„Driving home for Christmas…“, empfahl ihm Chris, während der Sicherheitsmann, der ihn freundlich aber bestimmt vor die Tür komplimentiert hatte, deutlichere Worte fand.
„Lassen Sie sich hier nicht wieder blicken! Sie haben Hausverbot. Schöne Weihnachten.“
Der Weihnachtsmann war deprimiert. Einsam und verlassen ließ er sich auf dem breiten Fußgängerweg mit der Menge treiben. Noch nie in seinem Leben hatte er sich am vierundzwanzigsten Dezember so unglücklich gefühlt. In der Ferne schlug die Rathausuhr zweimal und ließ ihn zusammenzucken. Noch vier Stunden, dann war die Frist abgelaufen.· In diesem Moment höchster Not spürte der Weihnachtsmann plötzlich, daß er in einem anderen Teil der Stadt gebraucht wurde. Es war ein unbestimmtes, nicht zu greifendes Gefühl, das ihn an längst vergangene Zeiten erinnerte und seine Schritte zielstrebig über die breite Treppe eines S-Bahneingangs in den Bauch der Erde hinab lenkte. Unzählige Menschen drängten sich dort hinab, während mindestens ebenso viele nach oben strebten, dem Einkaufswahnsinn entgegen. Zum Erstaunen des Weihnachtsmannes spielte eine Etage tiefer eine zerlumpte Gestalt Weihnachtslieder auf der Gitarre und sang dazu. Die Hoffnungslosigkeit im Blick des jungen Sängers rührte das Herz des Weihnachtsmannes, und er machte sich im Geiste eine Notiz, daß hier sein Einsatz erforderlich war. Vielleicht hatte Ruphus, der Elf, eine Idee, wie man dem Unglücklichen helfen konnte, dessen Elend von den meisten vorbei gehenden Menschen ignoriert wurde. Der Weihnachtsmann verstand das nicht. Wie konnte man es nur über das Herz bringen, an diesem heiligen Tag das Leid anderer zu ignorieren? Hatten die Elfen wirklich Recht damit, daß vom Geist der Weihnacht nicht mehr viel übrig war? War Weihnachten tatsächlich nichts anderes mehr, als eine einzige Kauforgie, bar jeglichen Gedankens an das, was hinter diesem Tag stand?
Bedrückt stieg der Weihnachtsmann die nächste, nicht enden wollende Treppe hinab und dachte an Ruphus, der dem Weihnachtsmann mit seinen Zauberkräften schon öfter bei der Erfüllung von Wünschen geholfen hatte, und das nicht nur bei Kindern, erinnerte er sich an eine nicht ganz so stille Nacht, in der sie gemeinsam Harro, den Hofhund, die kleine Tina und ihre Eltern glücklich gemacht hatten. Aber die Hilfe für den vom Schicksal gebeutelten Sänger mußte noch ein wenig warten. Zunächst galt es, die Mission zu erfüllen, anderenfalls würde er niemanden mehr helfen können. Unten angekommen, zwängte er sich in einen überfüllten Waggon. Die Anzeige auf dem Bahnhof verriet das Ziel. „Poppenbüttel“ lautete die Endstation.

Während die Bahnstationen an dem Weihnachtsmann vorbeizogen wie Perlen auf einer Schnur, hatte sich in einem anderen Teil der Stadt Lisa wieder beruhigt. Methodisch zwängte sie sich in ihre warme Winterkleidung und freute sie sich auf das, was nun gemeinsam mit Svenja anstand:
Der Kauf des Weihnachtsbaumes.
Wie im vergangenen Jahr auch bestand Svenja darauf, den Baum erst am Tag des Festes zu kaufen. Ihrer Ansicht nach bekam so wenigstens noch einer der vielen Bäume, der keinen Abnehmer gefunden und ansonsten im Schredder gelandet wäre, die Gelegenheit, ein letztes Mal in seinem Leben die Herzen der Betrachter zu erfreuen.
Außerdem waren Bäume am letzten Tag günstiger.
Das Feilschen mit dem Verkäufer am Bergstedter Markt, der jedesmal den Eindruck erweckte, als würde ihn der Schlag treffen, wenn Svenja ihr Gebot für einen Baum abgab, gehörte daher, ebenso wie das Transportieren des Weihnachtsbaumes auf dem betagten Damenrad, zum festen Bestandteil des Weihnachtsfestes. Zwar lieferte der Händler den Baum gegen ein kleines Entgelt auch an, aber das paßte nicht zu Svenjas Auffassung von Weihnachten. Die Freude war ihrer Ansicht nach größer, wenn der Baum nach mühsamen Transport durch den tiefen Schnee in der guten Stube stand.
„Bist du soweit?“, fragte sie Lisa, die sie mit großen Augen ansah. Das Mädchen nickte nachdrücklich und griff nach der Hand ihrer großen Freundin.
„Na dann los.“ Der kalte Winterwind trieb schwungvoll Schneeflocken in den Flur, als Svenja die alte Eingangstür öffnete. „Wir sind in einer Stunde wieder hier“, rief sie ihrer Kollegin Vera zu, dann verschwand sie mit Lisa in den kalten Wintertag.

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