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Das dreimalige Läuten der Kirchturmuhr ließ den Weihnachtsmann aufblicken. So übersah er vollkommen Svenja, die in diesem Moment das unmögliche Kunststück probierte, den mannshohen Tannenbaum nur auf dem Lenker und dem Sattel balancierend durch den tiefen Schnee zu schieben.
„Vorsicht!“, rief Lisa noch, dann war es auch schon passiert. In einem wilden Durcheinander gingen sowohl der Tannenbaum, Svenja als auch der Weihnachtsmann zu Boden, wobei letzterer unsanft auf dem betagten Fahrrad landete.
„Das war’s dann wohl“, seufzte Svenja, die sich Schnee von der Jacke klopfte und traurig auf ihr beschädigtes Fahrrad hinabsah. Eine eindrucksvolle Acht im Vorderrad signalisierte eine eindeutige Botschaft: Ich fahre nirgendwo mehr hin.
„Und nun?“, fragte Lisa.
„Das tut mir furchtbar leid“, beteuerte der Weihnachtsmann, dessen Gefühl ihm deutlicher denn je signalisierte, daß er am richtigen Ort angekommen war. Er spürte, daß das kleine Mädchen ihn brauchte, auch wenn er den Grund dafür noch nicht erkennen konnte. Der Zauberbann der Elfen hatte noch immer zuviel Macht über ihn, sonst hätte er in dem Kind lesen können, wie in einem offenen Buch. Aber das hieß ja nicht, daß sich das nicht ändern konnte. Mit einem gütigen Lächeln bückte er sich, hob den Tannenbaum hoch und lud ihn sich auf die Schulter. Als Weihnachtsmann war er es schließlich gewohnt, einen schweren Sack zu schleppen, da würde er wohl noch mit einem Baum auf der Schulter zurecht kommen, auch wenn der ganz schön groß war. Ziemlich groß, wenn er ehrlich war. „Ich helfe Ihnen, den Baum nach Hause zu bringen“, bot er Svenja an, nachdem er ihn endlich ausbalanciert hatte.
„Das ist ganz schön weit“, gab Svenja mit besorgtem Blick zu bedenken, als wolle sie sagen, das schaffen Sie nie!
„Das ist das Mindeste, was ich tun kann“, erwiderte der Weihnachtsmann, wobei er sich jedoch fragte, ob er nicht etwas zu voreilig mit seinem Angebot gewesen war. Ganz schön weit war ein höchst dehnbarer Begriff. Schließlich war er schon ein paar hundert Jahre alt und spürte in letzter Zeit immer mehr seinen Rücken. Was Hippokrates wohl dazu sagen würde?
Egal, nun konnte er nicht mehr zurück.
„Na dann folgen Sie mir in die Wildnis“, scherzte Svenja, wobei sich der Weihnachtsmann nicht sicher war, ob sie Spaß machte oder das ernst meinte. Er fürchtete allerdings letzteres. Das würde zu seinem heutigen Tag passen. Fast glaubte er, die Elfen lachen zu hören, als sich das Trio unter Svenjas Führung auf den beschwerlichen Weg machte. Die ersten Meter schritt der Weihnachtsmann dabei noch mit federnden Schritten aus, doch je weiter die Kirche im Hintergrund zusammenschrumpfte, desto mehr geriet er ins Schnaufen. Er hätte seinen roten, magischen Mantel darauf verwettet, daß das Gewicht des Baums in den letzten Minuten um mindestens einhundert Kilo zugenommen hatte. Sein Blick streifte Lisa, die mit undeutbaren Gesichtsausdruck neben ihm herlief. Irgend etwas schien sie zu beschäftigen. „Freust pfff du pfff, pffff dich auf den Weihnachtsmann?“, versuchte er sie aus der Reserve zu locken, wobei Atemwolken wie bei einer betagten Lokomotive, die sich anschickte, einen steilen Paß hinaufzuschnaufen, aus seinem Mund quollen.
„Es gibt keinen Weihnachtsmann!“, sagte Lisa mit einer Bestimmtheit, die den Weihnachtsmann für einen Moment an seiner eigenen Existenz zweifeln ließ. Wie konnte ein so bezauberndes kleines Mädchen bereits den Glauben an den Weihnachtsmann verloren haben? Der Weihnachtsmann wußte hierauf beim besten Willen keine Antwort. Das war traurig. Auf der anderen Seite bot sich hier vielleicht die letzte Möglichkeit, das Ruder noch herumzureißen. Sollte es ihm gelingen, dieses ungläubige Kind zum Glauben an den Weihnachtsmann zu bekehren, würde selbst der bockigste Elf wohl kaum behaupten können, er habe seine Mission nicht erfüllt. Sein Gefühl sagte ihm aber, daß dies nicht der einzige Grund war, warum es ihn hierher gezogen hatte. Er mußte herausfinden, was hinter der Haltung dieses Mädchens steckte. „Was sagt denn pfff deine Mutter pfff dazu, daß du den pffff Weihnachtsmann verleugnest?“, probierte er einen neuen Vorstoß.

„Ich bin nicht ihre Mutter, auch wenn ich es gerne wäre“, warf Svenja ein und erzählte dem Weihnachtsmann die ganze Geschichte. Eigentlich war es nicht ihre Art, sich einem Fremden so anzuvertrauen. Sie wußte selbst nicht, warum sie es tat. Vielleicht lag es daran, daß Heiligabend vor der Tür stand, vielleicht lag es aber auch daran, daß der alte Mann in ihr eine Vertrautheit auslöste, wie sie sie zuletzt in ihrer Kindheit empfunden hatte. Eine vage Erinnerung, die mit Weihnachten zu tun hatte, ohne daß sie sie konkret greifen konnte. Nur ein unbestimmtes Gefühl in ihr flüsterte ihr hartnäckig zu, daß sie den Alten irgendwo schon einmal getroffen hatte, vor langer Zeit. Doch über der Erinnerung lag ein Schleier, den sie nicht zu zerreißen vermochte. Mit einem Seufzen schob sie die Gedanken beiseite. Es gab wahrlich andere Dinge, über die sie sich im Augenblick den Kopf zerbrechen mußte.

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