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Einen Kilometer entfernt saß derweil Stuka, die Gans, in ihrem Weidenkorb und versuchte, das Jauchzen und Lachen der ausgelassenen Kinder um sie herum zu ignorieren. Bedrückt wanderte ihr Blick immer wieder zu der Scheibe, auf der die Kälte wunderschöne Eisblumen gemalt hatte und die Gans an bessere Zeiten erinnerten. Sie war dieses Jahr aus dem Ei geschlüpft und hatte bisher nur den Sommer kennengelernt. Laue Winde, die sie in den blauen Himmel trugen, das Plätschern der leichten Wellen auf ihrem See und der Duft der unzähligen Blüten hatten sie glücklich gemacht. Der Winter hingegen war eindeutig der bisherige Tiefpunkt ihres Lebens. Sie schnatterte unglücklich vor sich hin, als sie an ihren Schwarm dachte, der im Herbst aus ihrem Leben verschwunden und mit Sicherheit besser dran war als sie. Zumindest hatten sie einander. Würde sie ihn je wiedersehen?
Das war ihr größter Wunsch.
Allerdings beunruhigte sie eine andere Sache im Augenblick viel mehr. Wollte man den Gerüchten Glauben schenken, die sie im Schwarm aufgeschnappt hatte, war dies eine verdammt ungünstige Zeit für Gänse in diesem Land. Wenn das Unfaßbare, was man so schnatterte, tatsächlich stimmte, standen einer unglaublichen Zahl von den Artgenossen, denen es nicht gelungen war, im Herbst dieses Land zu verlassen, an diesem Tag ein heißer Abend bevor.
Konnten Menschen wirklich so grausam sein?
Die Gans bezweifelte zwar, daß ihr von den Menschen um sie herum eine Gefahr drohte, aber wer konnte schon sagen, was passieren würde, wenn sie sich plötzlich an alte Traditionen erinnerten und Hunger bekommen sollten? Sie beschloß, wachsam zu bleiben.

„Ich pfff bin pfff am Ende!“
Einem trunkenen Bär gleich stolperte der Weihnachtsmann in den Vorgarten des Kinderheims, das seinen Platz in einem ehemaligen Herrenhaus hatte. Von dem Glanz vergangener Zeiten war allerdings nichts mehr geblieben. Die Schindeln auf dem Dach wirkten, als hätten sie den Winterstürmen weniger entgegenzusetzen, als das Papierhaus der drei kleinen Schweinchen, den Fenstern war der Begriff „Isolierverglasung“ völlig fremd und die Risse in den Wänden waren sogar zahlreicher als die Runzeln im Gesicht von Ektron aus dem Ältestenrat der Elfen. ·
„Willkommen in unserem Schloß“, scherzte Svenja und deutete eine übertriebene Verbeugung an, die der Weihnachtsmann lieber nicht erwiderte, aus Angst, hinzufallen und im Schnee zu versinken. Er bezweifelte, daß er aus eigener Kraft je wieder hochkommen würde. „Bringen Sie den Baum in den großen Raum am Ende des Flurs und erschrecken Sie Stuka nicht.“ Mit einer schwungvollen Geste öffnete sie die Haustür und bat ihn, einzutreten. Einem Lastenesel ähnelnd, stampfte der Weihnachtsmann an ihr vorbei.
In der großen Stube bekam Stuka den Schreck ihres jungen Lebens. Ein großer, schwitzender Mann, der einen wunderschönen Baum in der Blüte seines Lebens brutal gefällt hatte und nun als Trophäe durch die Gegend schleppte, stampfte mit der fragwürdigen Eleganz eines angeschossenen Grizzlys in Stukas Leben, ließ den Baum auf den Boden und sich selbst in den einzigen Sessel im Raum fallen. „Bei Rudolfs Nase, bin ich hungrig“, stöhnte er zu Stukas Entsetzen. Dann fiel sein Blick auf die Gans, die stocksteif in ihrem Weidenkorb saß. Selbst das Schnattern war ihr vergangen.

„Meint ihr, wir sollten ihm helfen?“ Nachdenklich blickte Vingo in die Runde.
„Er sieht ein wenig angeschlagen aus“, gab Zwolgo zu bedenken, der gemeinsam mit Vingo und Ruphus um eine Kristallkugel herumstand, die auf einem Wirbel von funkelnden Miniatursternen inmitten eines kleinen Besprechungsraums schwebte und zeigte, in welchen Schwierigkeiten der Weihnachtsmann gerade steckte. Die Stirnseite des quadratischen Raumes bestand aus einer Glasfront und bot einen spektakulären Ausblick auf die Polarlandschaft und tanzenden Nordlichter, doch momentan hatte keiner ein Auge für die Schönheit der Natur. Der Anblick des Weihnachtsmanns, der wie ein asthmatisch schnaufender Bär in einem Sessel saß, war viel spannender.

„Der hat schon ganz andere Dinge durchgestanden“, winkte Ruphus ab. Als Begleiter des Weihnachtsmanns auf seiner alljährlichen Tour konnte er am besten beurteilen, was der Weihnachtsmann so alles durchmachen mußte. „Als er mir damals vom Schlitten fiel, wirkte er deutlich weniger vergnügt als jetzt.“
„Er ist dir vom Schlitten gefallen?“, fragte Zwolgo fassungslos. Ruphus nickte.
„Man sollte nie zu tief über einen Zoo fliegen. Der Rautiergeruch macht die Rentiere nervös“, bekundete Ruphus gleichmütig.
„Er ist in den Zoo gefallen?“ Vingo konnte es kaum glauben.
„Mitten ins Eisbärengehege.“ Ein Grinsen schlich sich bei dieser Erinnerung auf Ruphus Gesicht. „Die Bären waren ganz schön sauer, als er dort ohne Geschenke aufkreuzte.
„Bei Gelegenheit mußt du mir unbedingt mal die ganze Story erzählen“, bettelte Zwolgo.
„Aber zuerst sollten wir überlegen, ob wir nicht zu weit gegangen sind. Habt ihr schon mal daran gedacht, was passiert, wenn er versagt?“, gab Vingo zu Bedenken.
„Ich darf wieder Erz abbauen“, seufzte Zwolgo. „Irgendwo in einem finsteren Loch. Ich bin dafür, ihn zu unterstützen.“
Ruphus nickte zustimmend. „Vielleicht können wir ihm ja ein wenig von dem wiedergeben, was ihn als Weihnachtsmann auszeichnet.“
„Den weißen Bart?“, fragte Zwolgo, worauf Vingo den Kopf schüttelte.
„Nein, ich habe eine bessere Idee.“ Dann hob er den Zauberstab und tippte gegen die Kristallkugel.

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