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Hoch über den Lichtern der Stadt flog derweil ein ungewöhnliches Reisegefährt durch die Nacht. Gezogen von sechs Rentieren glitt der Schlitten des Weihnachtsmannes über die mit Schnee beladenen Wolken dahin, als würde er über festen Boden fahren. Neben dem Weihnachtsmann saß mit hoch konzentriertem Gesichtsausdruck Ruphus, der Elf, die Zügel fest in der Hand.
“Ich verstehe immer noch nicht, was Ihr bei diesem Mann wollt?”, grummelte Ruphus leicht verstimmt; denn der Weihnachtsmann weihte den Elfen nicht immer in all seine Pläne ein. “Die Versöhnung dieses obdachlosen Gitarrenspielers mit seiner Familie hat mir ja eingeleuchtet, aber das hier geht über meinen Horizont. Der Typ steht noch nicht einmal auf der Liste. Und wenn ihr mir die Kritik gestatten wollt, nach dem, was ich zwischenzeitlich von der Zentrale über ihn erfahren habe, hat er auch noch nie drauf gestanden. Der hat doch mit Weihnachten weniger zu tun, als der Osterhase.”
“Er ist vom rechten Weg abgekommen”, brummte der Weihnachtsmann, als sei das Erklärung genug.
“Und ist dabei in einem dreihundert Quadratmeter großen Penthouse gelandet! Das ist wirklich tragisch.”
“Geld ist nicht immer das, was die Menschen wirklich glücklich macht. Mitunter ist es nur ein Ersatz, der sie davon ablenkt, was sie wirklich wollen.”
Ruphus seufzte, während er den Schlitten durch das dichte Schneetreiben um einen hoch aufragenden Fernsehturm herum lenkte. Mit dem Weihnachtsmann zu diskutieren, machte keinen Sinn. Man konnte nur verlieren. Vor ihnen erhob sich nun die Shioulette eines Luxushochhauses, auf dessen Spitze ein Penthouse der obersten Kategorie thronte. Der Dachgarten allein war groß genug, um dort ein Tennisturnier austragen zu lassen. “Wenn du so nett wärst”, sagte der Weihnachtsmann, wobei er auf die Dachterrasse wies. “Landeerlaubnis erteilt.”

 

Mit einem satten Knirschen glitt der Schlitten über die schneebedeckte Dachterrasse und kam vor einem japanischen Gartenteich zum Stehen. Eine anmutige Brücke überspannte den gut und gern fünfzig Quadratmeter großen Teich. Mit einem Ächzen glitt der Weihnachtsmann vom Schlitten herunter und sah sich um. Die Terrasse war von zwei Seiten von dem Penthouse umschlossen, so daß man von mehreren Zimmern auf die Terrasse gelangen konnte. Die eine Seite bildete dabei im wesentlichen eine komplett verglaste Fassadenfront. Der dahinter liegende, riesige Raum war dezent beleuchtet. Das Gesicht des Weihnachtsmann verzog sich, als er feststellte, daß keinerlei weihnachtliche Dekoration vorhanden war.
“Wahrlich, ein armer Tropf”, spottete Ruphus beim Anblick des puren Luxus. “Was hat er sich denn gewünscht? Einen goldenen Fußboden?”
Der Weihnachtsmann überhörte den Spott und begab sich zur Glasfassade hinüber. Wie sollte er dort hineinkommen?
“Panzerglas, zehnfach Verriegelung, mit Holz verkleidete Stahlträger sowie Berührungsensoren mit Videoüberwachung”, resümierte Ruphus, der spöttisch seine Nägel betrachtete.
“Ruphus!”
“Schon gut.”
Gelangweilt schnippte der Elf mit den Fingern, worauf die große Wohnzimmertür wie von Zauberhand aufglitt. Leise Jazzmusik wehte auf die Terrasse hinaus.
“Na dann wollen wir mal”, brummte der Weihnachtsmann.

 

Mit beiden Daumen zugleich drückte Tim die Riegel des edlen Lederkoffers ins Schloß. Das Ganze glich einem Ritual, das er an jedem Weihnachtsabend zelebrierte, um dieser künstlich sentimentalen Zeit zu entfliehen. Zufrieden mit sich selbst, nahm er den Koffer hoch und begab sich ins Wohnzimmer hinüber. Kaum hatte er dies betreten, blieb er jedoch abrupt stehen, als sei er gegen einen Bus gerannt. Mitten auf seinem Designersofa lümmelte sich ein Kind mit spitzen Ohren, während ein als Weihnachtsmann verkleideter, übergewichtiger Erwachsener interessiert sein vierhundert Liter fassendes Süßwasseraquarim betrachtete. Als Tim jedoch gewahr wurde, was erst auf seiner Terrasse los war, glitt ihm der Koffer aus den Fingern und landete mit einem dumpfen Poltern auf dem Travertinmarmorfußboden. Ein riesiger Schlitten mit einem Gespann aus sechs Rentieren stand vor seinem Gartenteich. Eines der Rentiere, mit einer verdächtig rote Nase, starrte neugierig in seine Richtung.
“Wie…, was…”, schnappte Tim, dem vor Erstaunen und Verärgerung die Worte fehlten.
“Fröhliche Weihnachten, Tim”, sagte der Weihnachtsmann.
“Ich ….. rufe die Polizei”, erwiderte Tim, der seine Fassung nur mühsam zurückgewann. “Ich glaube kaum, daß Ihr Weihnachten sehr fröhlich ausfallen wird. Hausfriedensbruch ist in diesem Staat strafbar.” Mit ausgreifenden Schritten ging er zum Tisch hinüber, den Blick fest auf das Handy gerichtet. Aber bevor er in die Reichweite des Telefons gelangen konnte, fand er sich plötzlich in seinem Sessel sitzend wieder, unfähig, ein Glied zu rühren. Selbst seine Stimme war eingefroren.
“Danke, Ruphus”, sagte der Weihnachtsmann. “Schön, daß du uns deine Aufmerksamkeit schenkst”, wandte er sich an den wutschnaubenden Tim. “Es fällt uns zwar selbst schwer, das zu glauben, aber wir sind hier, um dir einen Wunsch zu erfüllen.”
Tim schnaubte verächtlich, worauf der Weihnachtsmann ihn tadelnd ansah.
“Manchmal weiß man nicht mehr, was man sich wirklich wünscht. Menschen wie du, die für die Karriere leben, verlieren den Blick für das Wesentliche.” Der Weihnachtsmann machte eine Handbewegung, die den gesamten Wohnraum umfaßte. “Sie umgeben sich mit Statussymbolen und täuschen sich selbst über die innere Leere hinweg, die sie empfinden.”
Tim verdrehte die Augen.
“Deshalb wirst du uns heute abend begleiten; denn wir haben dir etwas Wichtiges zu zeigen.”
“Hmmmm, hmm, hmmm!” protestierte Tim energisch, der nun ernsthaft befürchtete, daß er sich von den Fidschis verabschieden konnte. Vergeblich versuchte er, sich von den unsichtbaren Fesseln zu befreien. Auf einen Wink des Weihnachtsmanns klatschte Ruphus daraufhin in die Hände, und Tim hatte zumindest seine Stimme wieder.
“Ich denke nicht daran, euren Quatsch mitzumachen, es sei denn, ihr fliegt mich auf die Fidschis, und zwar erster Klasse!”, schimpfte er.
“Du wirst keine Zeit verlieren und deinen Flug rechtzeitig erreichen; wenn du das dann noch willst.”

 

Tim stöhnte. Sollte er auf diesen Quatsch wirklich antworten. Dabei fiel sein Blick auf das Aquarium. Verblüfft stellte er fest, daß die Fische wie in Wachs gegossen im Aquarium auf der Stelle standen. Selbst die Bläschen aus der Sauerstoffpumpe hatten auf dem Weg an die Oberfläche eine Pause eingelegt und bildeten nun eine glitzernde Kette. “Das gibt’s doch nicht”, entfuhr es Tim ungläubig. Verunsichert begegnete sein Blick dem von Ruphus, der über das ganze Gesicht grinste und erneut in die Hände klatschte. “Sieh mal auf deine Armbanduhr”, empfahl er Tim, der erfreut feststellte, daß er sich wieder bewegen konnte. Doch die Freude war nur von kurzer Dauer, als er dem Rat folgte. Seine Uhr im Wert eines unteren Mittelklassewagens, die laut Zertifikat lebenslang keine Sekunde verlieren sollte, war stehengeblieben. Irritiert schüttelte Tim sein Handgelenk und legte die Uhr an sein linkes Ohr. Deutlich vernahm er das leise Ticken des Schweizer Präzisionsuhrwerks. Trotzdem bewegte sich der Sekundenzeiger keinen Millimeter weiter. Allmählich wurde Tim mulmig zumute.
“Zeit ist relativ, falls du davon schon einmal gehört hast”, bemerkte Ruphus mit altkluger Stimme.
“Aus welchem Universum kommt ihr?”, ächzte Tim.
“Vom Nordpol”, brummte der Weihnachtsmann vergnügt. “Aber keine Sorge, dahin wollten wir dich nicht einladen. Wir wollten dir nur etwas zeigen, das dich interessieren dürfte.”
“Die Aktienkurse des Dax am kommenden Weihnachten?”
“Wart es einfach ab, Tim. Aber eines kann ich dir versprechen. Du wirst keine einzige Minute verlieren, sondern statt dessen eine Chance erhalten, die du nicht in Geld bezahlen kannst.”
“Nicht in Geld bezahlen”, wiederholte Tim nachdenklich. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatten die beiden ihn wirklich neugierig gemacht. Zwar fiel es ihm schwer, an den Weihnachtsmann zu glauben, selbst unter Einbezug der seltsamen Begleitumstände und der Rentiere nebst Schlitten auf seiner Terrasse. Auf der anderen Seite war die Situation alles andere als normal. Der Weihnachtsmann – Tim beschloß, ihn bis zum Beweis des Gegenteils erst einmal so zu nennen – und dieser Winzling verfügten definitiv über eine beeindruckende Technik, aus der sich möglicherweise Kapital schlagen ließ. Irgendwie mußte der Schlitten ja schließlich auf seine Terrasse gekommen sein. Und dann gab es da ja auch noch die Tricks mit der Zeit. Sollte er sich auf die Sache einlassen? Was konnte er verlieren? Wenn es stimmte, was der Weihnachtsmann sagte, konnte er nur etwas gewinnen, und Gewinn klang in allen Sprachen wie Musik in seinen Ohren. Er traf eine Entscheidung.
“Na schön, aber wenn ich wegen euch meinen Flieger verpasse, könnt ihr was erleben. Also, wie geht’s weiter?”
Statt einer Antwort zu geben, wies Ruphus mit dem Daumen nach draußen. “Bitte begeben Sie sich zum Einchecken, und halten Sie Ihre Bordkarte bereit”, antwortete der Elf mit einem Grinsen.

 

Wenige Minuten später erhielt Tim eine ungefähre Vorstellung davon, welchen Fliehkräften Kampfpiloten bei Extremmanövern ausgesetzt sind. Sein Schreckensschrei scheuchte eine friedlich dösende Gruppe von Fledermäusen im Glockenturm auf, als Ruphus den Schlitten in einer atemberaubenden Kurve, die jeden Kampfpiloten vor Neid hätte erblassen lassen, um das hoch aufragende Bauwerk herum jagte.
“Falls du auf Adrenlin aus bist, versuch´s doch mal mit dem Moutainbike die Eigernordwand hinunter”, fauchte Tim aufgebracht angesichts des selbstmörderischen Flugstils des Elfen. Seine Finger krallten sich in das Holz des Schlittens und hinterließen tiefe Furchen. Er konnte es immer noch nicht glauben, daß er sich tatsächlich auf diese Sache eingelassen hatte und begann, seine Entscheidung heftig zu bereuen. Zu seiner Überraschung erhielt er Unterstützung vom blaß gewordenen Weihnachtsmann, der sich noch gut daran erinnern konnte, was ihm widerfahren war, als der Elf im letzten Jahr über einem Zoo die Kurve ähnlich eng genommen hatte und er daraufhin vom Schlitten gefallen war. Die Eisbären im Freigehege waren alles andere als erfreut über seine überraschende Ankunft gewesen.
“Schon gut, wir sind sowieso gleich da”, winkte Ruphus nach der Ermahnung des Weihnachtsmannes ab und zeigte nach unten. Tatsächlich hatten sie bereits den Randbereich der Stadt erreicht. “Kommt dir das bekannt vor?”, fragte Ruphus den noch immer verärgerten Tim. Eine Ansammlung einfacher aber gepflegter Einfamilien- und Doppelhäuser erstreckte sich unter ihnen scheinbar bis zum Horizont. Die Weihnachtsbeleuchtungen in den Gärten blinkten wie Landelichter eines Flugplatzes zu ihnen hinauf. Es dauerte einen Augenblick, bis Tim aus dieser ungewohnten Perspektive erkannte, wo sie waren.
“Hier bin ich aufgewachsen”, stellte er verblüfft fest, “und ich kann mich nicht erinnern, daß ich mir gewünscht habe, in diese langweilige Gegend zurückzugelangen. Herzlichen Dank auch.”
Der Weihnachtsmann schüttelte traurig den Kopf. “Du bist wirklich ein schwerer Fall. Kennst du nicht den Song von Chris Rea?”

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