Der Rückflug verlief in tiefem Schweigen. Tim grübelte vor sich hin. Der Ausflug hatte Mauern eingerissen, die er über Jahre mühsam errichtet hatte, um die Erinnerungen fernzuhalten. Nun fluteten sie über ihn hinweg wie eine Brandungswelle und lösten Emotionen aus, auf die er gerne verzichtet hätte.
Zurück auf seiner Dachterrasse kehrte ein wenig von seiner alten Selbstsicherheit zurück. Stolz ließ er seinen Blick einen Augenblick über das erleuchtete, luxuriös eingerichtete Wohnzimmer schweifen, bevor er eintrat, gefolgt vom Weihnachtsmann und Ruphus. Wer konnte von sich sagen, es geschafft zu haben, so zu leben? Vielleicht sollte ich Sonja einen gut bezahlten Job anbieten, überlegte er, um sein Gewissen zu beruhigen. Ja, das war eine gute Idee.
“Unsere Wege trennen sich hier”, holte der Weihnachtsmann ihn in die Gegenwart zurück. “Aber etwas habe ich noch für dich.” Wie aufs Stichwort reichte Ruphus dem Weihnachtsmann etwas, das Tim an einen Flugschein erinnerte. Es war so groß wie sein Flugticket und leuchtete feuerrot.
“Dies ist dein Ticket in die Vergangenheit”, offenbarte der Weihnachtsmann das Geheimnis des seltsamen Präsents. “Wenn du es nutzen willst, sprich aus, was auf ihm geschrieben steht.” Irritiert nahm Tim das Ticket entgegen.

 

24.12.1990
prangte in goldenen Lettern vor rotem Hintergrund auf dessen Mitte. Tim spürte, wie ihm flau wurde. Die Geister der Vergangenheit feierten in seinem Magen gerade eine ausgelassene Party. Das war das Weihnachten, an dem …… Er verdrängte die Erinnerung.
“Das Ticket gilt nur heute bis 24.00 Uhr. Es gibt dir die Möglichkeit, etwas zu korrigieren, was du dir insgeheim immer gewünscht hast. Aber dies hat weitreichende Folgen. Bedenke daher gut, was du tust. Wähle deinen Urlaub und dieses Leben oder stelle dich den Geistern deiner Vergangenheit und den Fehlern, die du gemacht hast.”
Tim schluckte.
“Das ist nicht fair”, beschwerte er sich.
“Wach auf, seit wann ist das Leben fair?”, fragte Ruphus. “Das Wort kennst du doch gar nicht!”
“Frohe Weihnachten, Tim, und viel Glück, wie immer du dich auch entscheiden magst”, sagte der Weihnachtsmann mit warmer Stimme. Dann drehte er sich um und stapfte, gefolgt von Ruphus, zur Terrassentür.
“Hey, wartet! Ihr könnt mich doch nicht so zurücklassen”, beklagte sich Tim. Mit großen Schritten kam er den beiden hinterher, um sie aufzuhalten.
“Doch, können wir, Pappnase”, sagte Ruphus und schnippte lässig mit den Fingern, worauf Tim in die schon bekannte Starre verfiel.
“Keine Sorge, das hört auf, sobald wir in der Luft sind”, beruhigte der Weihnachtsmann Tim, der hilflos mit ansehen mußte, wie sein Besuch auf die Terrasse hinaus trat und den Schlitten erklomm. Kaum war dieser im Schneetreiben verschwunden, erlangte Tim die Kontrolle über seinen Körper zurück. Frustriert schloß er die Terrassentür und ließ sich dann seufzend auf dem bequemen Sofa nieder. Auf den Wohnzimmertisch legte er sein Flugticket und das Präsent des Weihnachtsmannes nebeneinander ab.
Was sollte er tun?

 

Sich den Schatten seiner Vergangenheit stellen?
Mit den Fingerspitzen glitt er über die goldene Schrift. Weihnachten 1990. Würde es überhaupt funktionieren?
Mit bebenden Fingern nahm Tim das Ticket in die Hand. Vor seinem geistigen Auge erschien das Bild Sonjas. Nicht jenes, welches er in der Wohnung gesehen hatte, sondern ein fröhliches, jugendliches Gesicht aus längst vergangener Zeit, das alte Sehnsüchte in ihm weckte aber auch düstere Erinnerungen hervorrief.

 

Die Schatten seiner Vergangenheit.
Sollte er es wagen?
Die goldenen Buchstaben schienen in einem eigenen Licht zu erstrahlen. Sie flüsterten von einer Zeit, in der das Leben noch fröhlich und unkompliziert gewesen war, weit weg von Erfolgsdruck, Quartalszahlen und Krisensitzungen. Die Worte quollen wie von selbst aus Tim´s Mund.

 

“24.12.1990″
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, erstrahlten die Buchstaben in einem gleißenden Schein, der Tim blendete. Ehe er reagieren konnte, wurde er in einen Wirbel aus goldenen Sternenstaub hineingesogen und verschwand im Strudel von Zeit und Raum.

 

Das Gesicht im Spiegel kam Tim vage bekannt vor. Es dauerte einen Augenblick, bis er realisierte, daß ihm eine zwanzig Jahre jüngere Version seiner selbst entgegensah. Erschrocken taumelte Tim zurück. “Es hat funktioniert”, flüsterte er ehrfürchtig. Vorsichtig betastete er sein Gesicht, als fürchte er, es könne jederzeit wieder die verhaßten Falten und die Geheimratsecken aufweisen, die ihn so störten. Aber sein Gesicht veränderte sich nicht.
“Ich bin wieder jung!”
Das Gefühl war unbeschreiblich und mit nichts zu vergleichen, was Tim je empfunden hatte. Begeistert sah er sich in dem engen Badezimmer um. Kein Zweifel! Er war im Haus seiner Eltern gelandet, in dem er bis zum Ende seiner Lehre aus Kostengründen weiter gelebt hatte.
“Willst du da drin Wurzeln schlagen?”, ertönte die Stimme seines Vaters jenseits der Tür, begleitet von wummernden Schlägen gegen die Badezimmertür.
“Ich bin fertig”, erwiderte Tim mit krächzender Stimme, dem die Beine zu versagen drohten. Das Ganze war einfach zu phantastisch.
“Wurde auch Zeit”, brummte Tim´s Vater, als Tim mit reumütigen Gesicht aus dem Badezimmer kam. “Du siehst ein wenig blaß aus um die Nase”, stellte Tim´s Vater fest. “Sieh zu, daß du nach unten kommst und beim Schmücken des Weihnachtsbaums hilfst. Achja, ehe ich es vergesse, Sonja hat angerufen und wollte irgend etwas von dir. Vielleicht rufst du sie ja mal zurück.”

 

 

 

Sonja.
Tim mußte sich am Treppengeländer festhalten, um nicht hinunterzufallen. Die Schatten seiner Vergangenheit kamen unaufhörlich näher. Fahrig tastete er in den Taschen seiner dunklen Buntfaltenhose nach seinem Handy, um sie zurückzurufen. Erfolglos.
“Kann ich mal dein Handy haben?”, fragte Tim und erntete ein ungläubiges Kopfschütteln seines Vaters.
“Du solltest aufhören, so viel Haarspray zu inhalieren”, riet er seinem Sohn, der vor Verlegenheit rot anlief. Er hatte ganz vergessen, daß das selbstverständliche Handy im Jahr 1990 noch das absolute Luxusutensil war.
“Nur n´ Scherz”, wiegelte er ab und sah zu, daß er die Treppe hinunter kam. Unten angelangt begab er sich ins Wohnzimmer hinüber, wo seine Mutter gerade auf einer Leiter balancierte, um den Weihnachtsengel an den rechten Fleck zu bringen. Bei soviel Leichtsinn konnte Tim nur den Kopf schütteln. Er räusperte sich dezent, um seine Mutter nicht zu erschrecken.
“Wird Zeit, daß du antrabst”, begrüßte sie ihn. “Das Lametta und die Girlanden fehlen noch. Gib dir bitte ein wenig Mühe, und wirf es nicht so lieblos in den Baum, wie im letzten Jahr. Ich muß mich jetzt um den Braten kümmern.”
Tim nickte. Zu einer Antwort war er nicht fähig. Es war ein seltsames Gefühl, plötzlich wieder von seiner Mutter Anweisungen zu erhalten. Während er der Aufgabe methodisch nachging, kreisten seine Gedanken unablässig um Sonja. Heute war der Tag, an dem sie ihre Verlobung bekannt geben wollten. Und heute war der Tag, an dem Tim ihr das Herz gebrochen hatte. Er schluckte. Die Idee, in der Zeit zurückzureisen, erschien ihm plötzlich gar nicht mehr so verlockend. War er bereit, sein Leben aufzugeben? Für eine fragwürdige Zukunft? Was konnte er tun, um Sonja zu helfen, das Ganze besser zu verarbeiten? Gab es überhaupt ein Patentrezept für solche Situationen? Fragen über Fragen, auf die Tim beim besten Willen keine Antwort wußte.
Punkt zwanzig Uhr geschah das, was Tim zugleich befürchtet und sich zugleich herbei gesehnt hatte. Die Türglocke schellte zweimal. Sein Herz raste, und seine Hände wurden feucht, als er Stimmengewirr in der Diele vernahm, das ihm nur zu vertraut vorkam.

 

Dann kam Sonja in das Wohnzimmer, und ihr Anblick verschlug Tim den Atem. Ihr freudiges, erwartungsfrohes Lächeln schnürte ihm das Herz zusammen, als er daran dachte, was er ihr antun mußte. Er konnte sie einfach nicht heiraten. Jedenfalls nicht jetzt. Wer bekam schon ein Angebot aus Silicon Valley nach der Lehre? Das war sein Einstieg in den Karrierefahrstuhl gewesen. Er hatte nur noch den Knopf nach Oben drücken müssen, und der Fahrstuhl hatte ihn wie eine Rakete in den Computerhimmel katapultiert. Eine Familie mit Kindern hatte allerdings nicht in den Fahrstuhl gepaßt.
“Frohe Weihnachten”, hauchte sie und fiel ihm um den Hals. Ihre weichen Lippen fanden die seinen, und sein Herz drohte ihm aus der Brust zu springen, während er sie mit einer Leidenschaft küßte, die er seit langem nicht mehr empfunden hatte.
“Wow”, sagte sie, nachdem sie es geschafft hatte, sich aus seiner Umarmung wieder zu lösen. “Du benimmst dich, als hättest du mich eine Ewigkeit nicht gesehen.”
“Wenn du wüßtest”, erwiderte Tim, der rot anlief. Hatte er sich wirklich so hinreißen lassen?
“Man verlobt sich ja auch nicht jeden Tag”, neckte Sonja ihn, worauf Tim noch roter wurde.
“Sonja.., da ist etwas, das….”, begann Tim, doch er kam nicht dazu, den Satz zu beenden; denn in diesem Moment kam sein Vater die Treppe hinunter und unterbrach seinen kläglichen Erklärungsversuch.
“Frohe Weihnachten”, begrüßte er Sonja, die über das ganze Gesicht strahlte. Tim stöhnte leise. Wie sollte er Sonja die Situation bloß erklären? Er konnte ihr kaum erzählen, daß der Weihnachtsmann ihn aus der Zukunft zurückgeschickt hatte, es sei denn, er wollte Weihnachten in einer gut gepolsterten Unterkunft verbringen.
Mit gesenktem Kopf folgte Tim der fröhlich mit seinem Vater plaudernden Sonja ins Eßzimmer, wo ihn der Duft von Gebratenem erwartete. Der Bratenduft ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen und verdrängte kurzzeitig seine Sorgen. Erstmal etwas essen, der Rest konnte warten.
Das Essen verlief harmonisch und erinnerte Tim daran, was er seit Jahren verpaßt hatte. Er konnte nichts dagegen tun, das schlechte Gewissen plagte ihn, wenn er daran dachte, daß dies das letzte Weihnachtsfest war, das er im Kreis der Familie verbracht hatte. Alle folgenden waren anderen Interessen geopfert worden, der Einladung eines Gönners, einem Projekt irgendwo in der Welt, dem Aufenthalt in einem Luxushotel mit einer seiner zahllosen Liebeleien und so weiter uns so weiter. Die Beschaulichkeit des Weihnachtsfestes war dabei auf der Strecke geblieben. Lediglich ein paar Weihnachtskarten hatte er verschickt und gelegentlich auch einmal angerufen. Den Ruf des Weihnachtsabends, der weltweit die Menschen zu ihren Familien rief, hatte er hingegen nie vernommen und diejenigen belächelt, die seine Sicht der Dinge nicht geteilt hatten. Jetzt erkannte er seinen Irrtum, und er bedauerte es zutiefst.
“Du siehst aus, als hättest du etwas ausgefressen”, bemerkte seine Mutter mit scharfem Blick, worauf Tim mit rotem Kopf abwinkte.
“Alles in Ordnung”, wiegelt er ab. Den fragenden Seitenblick von Sonja ignorierte er. Sie spürte intuitiv, daß etwas nicht stimmte.
Nach dem Essen begaben sich alle traditionsgemäß ins Wohnzimmer hinüber. Tim mußte zugeben, daß seine etwas eigenwillige Dekoration des Weihnachtsbaums diesem einen reichlich futuristischen Anstrich verlieh. Er sah aus, als wäre Scotti beim Versuch, den Baum zu beamen, auf halben Weg der Saft ausgegangen.
“Was ist dir bloß im Kopf herum gegangen, als du das Lametta verteilst hast?, rätselte seine Mutter, die nicht fassen konnte, was Tim dem Baum angetan hatte. Doch der zog es vor, nicht zu antworten. Mit den Augen signalisierte er statt dessen Sonja, daß er sie im Flur sprechen müßte.
“Was gibt’s denn. Kannst du es nicht abwarten, mit mir allein zu sein, mein zukünftiger Ehemann?”, fragte Sonja neckend, kaum daß sie den Flur betreten hatten. Tim schluckte.
“Deine letzten Worte sind das Problem”, begann Tim. Dann erzählte er ihr von dem Angebot aus Amerika. Sonja traten die Tränen in die Augen, als sie langsam erfaßte, was Tim ihr zu sagen versuchte. Die Verlobung würde ausfallen, weil Tim beabsichtigte, das Land für unbestimmte Zeit zu verlassen.
“Glaubst du, mir fällt das leicht? Ich kann nicht einfach so mein Penthouse, das immense Bankkonto und den ganzen Luxus für eine fragwürdige Zukunft über Bord werfen und mich in ein Abenteuer stürzen.”
“Wovon zum Teufel redest du? Ich habe das Gefühl, als wärst du heute ein völlig anderer Mensch. Ich liebe dich, und bis gestern dachte ich, du würdest mich auch lieben”, brachte sie unter Tränen hervor.

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