“Wir sind noch jung”, erwiderte Tim, wobei er sich elend und entgegen seinen Worten so alt wie Methusalem fühlte. Aber er konnte einfach nicht über seinen Schatten springen. Sein erfolgreiches Leben trieb ihn zu dieser Entscheidung. Wer behauptete, er würde eine Entscheidung in der Vergangenheit ändern, wenn er könnte, wußte nicht, wovon er sprach. So einfach ließ sich die Vergangenheit nicht auslöschen. Nicht, wenn man die Gegenwart kannte und sie soviel Annehmlichkeiten bot, wie es bei Tim der Fall war. “Wir sollten nichts überstürzen. Was nützt uns eine Heirat, wenn wir beide kein Geld verdienen und in zwei Jahren die Scheidung einreichen? Hast du mal die Statistiken gelesen?”
Sonja schluchzte jetzt herzzerreißend. “Du hast gesagt, wir sind für einander bestimmt”, erinnerte sie ihn anklagend. “Und jetzt willst du mich los werden. Wegen eines Jobs!” Das letzte Wort schrie sie derart laut, daß im Wohnzimmer Stühle gerückt wurden. “Ich hasse dich!” Mit bebenden Schultern wandte sie sich um, stürmte den Flur entlang und stürzte auf die Straße hinaus. Zurück blieb Tim, der nicht geglaubt hatte, daß er sich noch einmal in seinem Leben so schlecht fühlen würde.
“Was ist denn hier los?” Mit in den Hüften gestützten Händen stand seine Mutter in der Tür und sah ihn vorwurfsvoll an.
“Das ist eine lange Geschichte”, seufzte Tim.

 

Von einem Poster an der Decke starrte Donald Duck mit einem siegessicheren Lächeln auf Tim hinab, der mit verschränkten Armen auf seinem Bett lag und über alles nachdachte. Seine Eltern waren entsetzt gewesen, als er ihnen von seinen Plänen und seiner Zukunftsaussicht erzählt hatte, in der kein Platz für Familie und Kinder war. Hatte er das Richtige getan oder hatte er den gleichen Fehler ein zweites Mal gemacht? Sein Verstand sagte ihm, daß er richtig gehandelt hatte. Wer konnte ihm schon eine Garantie dafür geben, daß die Ehe mit Sonja gutgegangen wäre? Laut Statistik wurde jede zweite Ehe geschieden. Sollte er sein sorgenfreies Leben gegen das Risiko setzen, geschieden zu werden, Unterhalt zu zahlen und in einer billigen Zweizimmerwohnung mit einem betagten Kleinwagen vor der Tür zu enden? Die Statistik wies eine höchst beunruhigende Wahrscheinlichkeit für dieses Endzeitszenario auf, und mit Statisken kannte Tim sich aus.
Sein Herz hingegen sagte etwas ganz anderes.
Mit einem Seufzen registrierte er, daß die Tür geöffnet wurde und sein Vater den Raum betrat.
“Vielleicht nimmst du den Rat eines alten Mannes an”, eröffnete er das Gespräch und setzte sich zu Tim auf das Bett. Der nickte widerstrebend. “Geld, mein Sohn, kann man auf vielerlei Art verdienen, die Frau fürs Leben zu finden, ist hingegen ein Glücksfall, den man für Geld nicht kaufen kann. Ein Mädchen wie Sonja findest du nie wieder, selbst wenn du Millionen verdienen solltest”, prognostizierte Tim´s Vater düster.

 

Wenn du wüßtest, wie Recht du hast, dachte Tim
“Was rätst du mir?”
Statt einer Antwort zu geben, ging Tim´s Vater zum Bücherregal an der Stirnseite des Zimmers hinüber und zog ein quietschbuntes Fotoalbum heraus, das er zu Tim auf das Bett legte. “Vielleicht hilft dir ja ein Blick hier hinein, den richtigen Weg zu finden. Heute ist Heiligabend. Du solltest dir jetzt dringend das Richtige wünschen”, sagte er. Tim´s Blick streifte das Album, das er fast vergessen hatte. Vor ein paar Jahren war es ihm auf dem Speicher seiner Eltern unverhofft in die Hände gefallen und hatte bittersüße Erinnerungen geweckt. Zögernd streckte er die rechte Hand nach dem Album aus und schlug es auf, während sein Vater das Zimmer verließ. Eine Flut von Erinnerungen schlug über ihm zusammen, während er Seite für Seite umblätterte und die Bilder von sich und Sonja betrachtete, die während ihrer gemeinsamen Zeit entstanden waren. Egal, welches Bild von sich er auch betrachtete, er sah auf allen glücklich aus. Glücklicher als damals, als er auf Titelseite des Manager Magazins abgebildet war und auch glücklicher, als er einen Kurzreisetripp auf die Malediven mit der bildschönen Maus aus der Buchhaltung gemacht hatte, ja selbst glücklicher, als er mit seinem ersten Ferrari auf Polaroid gebannt worden war. Und der war wirklich sein Traumauto gewesen!
Hatte er einen Fehler gemacht?
Ein Bild sagt mehr, als tausend Worte, und diese Bilder hatten eine Menge zu erzählen. Und jedes einzelne Bild sagte: JA! JA! JA!

 

Verdammt. Morgen würde er alles ins Lot bringen. Er würde….
Siedendheiß fiel ihm ein, daß es kein Morgen geben würde. Er war nur Gast in dieser Zeit, was er für einen Augenblick vollkommen vergessen hatte. Sein Blick fiel auf die alte Digitaluhr auf dem Beistelltisch, die in rot leuchtenden Ziffern die Uhrzeit verkündete:
23.15 Uhr
Mit einem Satz sprang Tim vom Bett hinunter. Er mußte auf der Stelle zu Sonja. Keine dreißig Sekunden später riß er die Schlüssel für seinen betagten VW Golf vom Schlüsselbrett neben der Haustür und stürzte aus dem Haus. Der Golf war natürlich eingeschneit. Hastig fegte Tim mit dem Ärmel gerade einmal soviel Schnee herunter, daß es ausreichen würde, um die Straße zu erahnen. Dann drückte er auf den dicken Plastikschlüsselgriff und wunderte sich, daß sein Wagen ihn nicht mit blinkenden Lichtern begrüßte. Es dauerte zwei Sekunden, bis ihm einfiel, in welchem Jahr er war. Mit fahrigen Fingern machte er sich an dem leicht eingeeisten Türschloss zu schaffen und atmete erleichtert auf, als das Schloß endlich nachgab. Dankbar sprang er in den Wagen und richtete die Augen in stummer Bitte zum Wagenhimmel, als er den Schlüssel im Zündschloss drehte. Beim dritten Versuch erwachte der Motor endlich gurgelnd zum Leben. Tim stöhnte bei dem ungesunden Sound. Er war überzeugt, daß sein Auto sich zu Weihnachten über eine neue Kurbelwelle und eine Inspektion bestimmt gefreut hätte. Statt dessen stand ihm nun mit großer Wahrscheinlichkeit ein Besuch beim Schrotthändler bevor; denn Tim hatte nicht die Absicht, den Wagen zu schonen. Mit einem Krachen legte er den ersten Gang ein und gab Gas. Wie eine alte Oma auf Rollschuhen schlitterte der betagte Golf die Auffahrt hinunter und hätte dabei beinahe den beleuchteten Schlitten nebst ängstlich blinkenden Rentieren im Vorgarten mitgenommen. Mein Gott, wie gut er seinen einhunderttausend Euro teuren Geländewagen jetzt gebraucht hätte. Dann war er endlich auf der Straße. Sonja wohnte zwar nur drei Kilometer entfernt, aber in diesem Auto und bei dem Wetter kam es ihm vor, als sei er auf dem Weg zum Mars unterwegs. Und das zu einem Zeitpunkt, wenn dieser am weitesten von der Erde entfernt ist. Ein Blick auf die schwach beleuchtete Uhr im Armaturenbrett besserte seine Stimmung auch nicht auf.
Noch fünfunddreißig Minuten.
In einem Anfall von Verzweiflung hieb Tim auf das Lenkrad ein und verlor prompt den Kontakt zur Straße. Wo war die elektronische Traktionskontrolle, wenn man sie brauchte? Während der Gott der lebensmüden Autofahrer Überstunden leistete, indem er Tim wieder auf die Spur brachte, fiel diesem ein weiteres Detail ein, das seinen Fahrstil zumindest bedenklich erscheinen ließ.

 

Er hatte nie Geld für Winterreifen besessen!
Das ließ hoffen. Um sich zu beruhigen und nicht doch noch tot im Graben zu landen, betätigte er den Radioknopf.

 

“Last Christmas, I gave you my heart..”, erklang es sofort blechern aus den Billiglautsprechern auf der Kofferraumabdeckung. Tim stöhnte auf. Das fehlte ihm noch. Weihnachtslieder. Frustriert drückte er auf die nächste Stationstaste. Den Rockkanal!

 

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